Kolumne “Mein Senf”: Taxi bitte!

Kolumne “Mein Senf”: Taxi bitte!

Sie sind meist hellelfenbeinfarben und säumen die Parkbuchten vor Bahnhöfen, Veranstaltungshallen und Sehenswürdigkeiten. Aus Büchern, Filmen, New York und London sind sie nicht mehr wegzudenken. Was ist das Charakteristische an Taxen und nächtlichen Taxifahrten? Samantha hat sich Gedanken gemacht, denn vor allem in der kalten Jahreszeit rufen wir gerne mal ein Taxi.

Nicht nur durch Eltern und pädagogisch wertvolle Kinderbücher lernten wir, dass es nötig ist, Fremden mit einem gewissen Misstrauen zu begegnen, vor allem dann, wenn sie süße Häschen oder aber einen Platz in ihrem Auto in Aussicht stellen. Doch sobald Verabredungen sich mit zunehmendem Alter auf die späten Abend-, Nacht- oder eben frühen Morgenstunden verlagern, wird der frühkindliche Befehl „Steig nicht zu Fremden ins Auto“ durch einen Geldschein und das dazugehörige „Ruf dir ein Taxi“ ersetzt.

„Engel der Nacht“

Der gelb leuchtende Heiligenschein auf dem Dach taucht das typische hellelfenbein in gleißendes Licht und lässt sie uns so, in manchen Situationen gut und gerne mal als „Engel der Nacht“, in Erscheinung treten. Sie weisen uns den Weg aus Einsamkeit oder Orientierungslosigkeit und wenn sie einen nach durchzechter Nacht vor dem Club einsammeln, fühlt es sich meist himmlisch an.

Erst einmal auf dem Rücksitz angekommen gilt es zu entscheiden, ob man dem Taxifahrer in frohlockender Leichtigkeit die Welt erklärt oder trotz der 80 Kilometer pro Stunde innerorts auf winterlichen Straßen Contenance und Stillschweigen bewahrt – ob es zu Fuß wohl sicherer gewesen wäre?

Auch Taxifahrer bilden keinesfalls eine homogene Masse: Der interessierte, plaudernde oder die Partystimmung mit lauter Musik anheizende Fahrer steht dem stillen, in sich gekehrten gegenüber, der hilfsbereite Gepäck Ein- und Ausladende, dem mürrischen und ignoranten Sitzenbleiber, der bis zum Aufschließen der Haustür wartende, dem mit Warp-Geschwindigkeit davonbrausenden und der Anständige leider gelegentlich auch dem ein oder anderen, der seine Macht auszunutzen versucht.

Frauen in der Taxi-Branche

Nur Fahrerinnen bilden bis heute eine auffallende Minderheit in der Taxi-Branche. Ob es damit zusammenhängt, dass Taxen nicht nur in Filmen wie Collateral oder Taxi Driver häufig in Raubüberfälle oder Gewaltverbrechen verwickelt werden? Initiativen wie „Frauen fahren Frauen“ in Deutschland, das „Sternemädchen“ in Wien oder die „Pink Ladies“ in London, treten diesen Problematiken entgegen, indem sie ein sicheres Klima zu schaffen versuchen, sowohl für Kundinnen, als auch Fahrerinnen.

Denn in nächtlicher Leichtigkeit geben wir nicht nur Informationen preis, die wir manchmal besser für uns behalten hätten, gelegentlich leiden auch der Anstand und die Manieren. So durchlebt der ein oder andere „Engel der Nacht“ gelegentlich auch mal die Hölle auf Erden.

Harte Kritik

Zum Nachdenken angeregt hat mich vor einiger Zeit ein Taxifahrer, der sich als ehemaliger Student zu erkennen gab und damit jene Prophezeiung bestätigte, die ich als Studierende der Geisteswissenschaften während meines Studiums in Dauerschleife zu hören bekommen. „Früher haben Studierende noch über wichtige Themen wie Politik diskutiert“, sagte er – und nicht wie meine Freundin und ich an diesem Abend, die Ereignisse auf der Party Revue passieren liessen.

Angeregt von dem Vorwurf naiver Oberflächlichkeit versuchte ich mir eine Welt vorzustellen, in der alberne Grundsatzdiskussionen in frohlockender Leichtigkeit während der Taxifahrt durch bierernste, philosophische Diskurse ersetzt werden müssen. Würden wir der Disziplin und Kontrolle nicht etwa einen weiteren Bereich unserer Freizeit überlassen, ein wertvolles wenn auch eher unscheinbares Ausbrechen aus gewohnten Mustern? Würde es dadurch zahlreichen Autoren, Musikern, Filmemachern oder freundschaftlichen Plauderrunden nicht an wertvollem Stoff fehlen? In zufriedener Glückseligkeit fallen mir schließlich zwei Dinge auf: 1. Kommt diesen nächtlichen Taxifahrten offenbar mehr Bedeutung zukommt, als mir bisher bewusst war 2. Hatte sich der Taxifahrer als ehemaliger BWL Student vorgestellt und entgegen aller Prophezeiungen nicht als Geisteswissenschaftler.

Samantha Happ findet wunderliche Dinge bemerkenswert und tut dies in ihrer Kolumne “Mein Senf” kund.

Samantha Happ findet wunderliche Dinge bemerkenswert und schreibt in ihrer Kolumne “Mein Senf” darüber.

 

Mehr Kolumnen von Samantha auf uniCROSS

Das Senfglas ist leer …

Experte Patronum 

Die Fantastilliarden-Feste

Celebrari aude – der jubilierende Senf

Apropos Aperitivo

Superfood – Berry good?

Slow Food, Soul Food & Solo Food

LED it shine

Athleisure everywear

Die Ausreden des mangelnden Bockes

Der Gleichklang von Wahl und Qual – Zufall?

Der erste Schritt in ein neues Leben führt zur Altpapiertonne

Emotionen WECKen

Mein postpubertäres Alter Ego und das präadultische Mini-Me

Body shaming – how about no!

Jedem Wahnsinn seine Unordnung

Der reisende Geduldsfaden

Von bittersüßer Nostalgie und Freundschaft

DIY? I did it my way!

Taxi bitte!

Surprise, Surprise …

Gegen den Strom in den Mainstream

Sind Messer heute den Schurken vorbehalten?

Liebesgrüße aus der Ferne

Heute ganz sicher vielleicht

Foto: Samantha Happ

Autoren:
Veröffentlicht am 10. Januar 2017

Empfohlene Artikel